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Aug 5, 2007 1:18:28 AM
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"In Ermangelung ausländischer Zeitungen bietet der Fernsehapparat im Zimmer des Rimal-Hotels eine reichhaltige Auswahl internationaler Fernsehprogramme. Die Bush-Administration hat eine neue Desinformationskampagne gestartet – oder führt sie sich gar in ihrer krassen Ignoranz der islamischen Realitäten selbst in die Irre? Jedenfalls wundere ich mich darüber, dass die Star-Korrespondentin von CNN, Christina Amanapour, die – wie ihr Name vermuten lässt – aus dem Iran stammt und der christlichen Minderheit der Nestorianer oder Armenier zugehören könnte, trotz ihrer Kenntnis der Region in den Chor der Rosstäuscher einstimmt. Man merkt ihrer Berichterstattung gelegentlich an, dass ihr diese krampfhafte Volksverdummung zuwieder ist, ja dass sie deren haarsträubende Behauptungen mit einem Anflug von schlechtem Gewissen weitergibt.
Wenn man den Sirenen aus Washington Glauben schenkt, dann wäre ein „demokratischer Frühling“ über ganz Arabien erblüht. Mehr noch, der gewaltige geographische Islam-Gürtel, „Broader Middle East“ genannt, der sich von Marokko bis Pakistan erstreckt, hätte die Vorzüge von Freiheit und politischem Pluralismus entdeckt, sei auf dem besten Wege – nach dem angeblich triumphalen Durchbruch der Demokratie bei den irakischen Wahlen -, diesem leuchtenden Beispiel nachzueifern. „Hat vielleicht George W. Bush doch recht gehabt, als er den von ihm umgestalteten Irak als ‚Leuchtturm der Demokratie’ anpries?“, kann man lesen. Selbst renommierte Kommentatoren in den USA und Europa fallen offenbar auf diesen Unsinn herein.
Man höre und staune! Den Deklarationen der frisch berufenen Außenministerin Condoleezza Rice zufolge hat der Irak am 30.Januar den tugendhaften Pfad der freiheitlichen Emanzipation betreten. Präsident Bush zählt genüsslich die Länder des Orients auf, in denen die Menschenrechte sich unwiderstehlich durchzusetzen beginnen. In Saudi-Arabien wurden Kommunalwahlen veranstaltet, an deren Manipulation gemessen die bislang übliche Beduinenpraxis der „Schura“ ein weit größeres Maß ehrlicher Mitbestimmung gewährte. Der Präsident von Ă„gypten, Husni-el-Mubarak, hat sich seit einem Vierteljahrhundert als allmächtiger „Rais“ im Land der Pharaonen behauptet, sich alle paar Jahre mit Zustimmung von 97 bis 98 Prozent wiederwählen lassen. Saddam Hussein, der Resultate von glatten hundert Prozent einheimste, war da ehrlicher. Jede Form von Opposition hat Mubarak mit Hilfe seiner Nationaldemokratischen Partei und vor allem seiner brutalen Geheimdienste erstickt. Jetzt hat er auf Druck Washingtons widerwillig konzediert, dass beim nächsten Volksentscheid über die Berufung des Staatschefs ein Gegenkandidat zugelassen würde. Daß dieser Oppositionelle, der wegen eines imaginären Delikts gerade im Gefängnis saß und entlassen werden musste, nicht die geringste Chance hat, sich gegen die Militärdiktatur durch-zusetzen, zumal dieser Repräsentant des liberalen Bürgertums den islamischen Grundvor-stellungen der Massen in keiner Weise entspricht, stört offenbar niemanden am Potomac.
Im Emirat Kuweit, wo die amerikanische Befreiung im Jahr 1991 wieder die Dynastie der Sabah in ihre Pfründe einsetzte und die einheimischen Erdölprofiteure ihre elenden asiatischen Hausangestellten und Hilfsarbeiter wie Sklaven, ja schlimmer als Tiere behandeln – ein Skandal, der zum Himmel schreit -, hat angeblich eine Gruppe von Damen der Gesellschaft für das Wahlrecht der Frauen demonstriert. Beim Überprüfen der Liste dieser „Emanzen“ entdeckt man überwiegend die Namen der einflussreichen Ausbeuteroligarchie dieses Emirats, das den amerikanischen Streitkräften als rückwärtige Basis bedingungslos zur Verfügung steht. Über die Gleichberechtigung der Einwohner der Golf-Emirate, wo es noch relativ duldsam zugeht, wird in der amerikanischen Darstellung immer wieder unterschlagen, dass als Bürger oder Untertanen dieser von Reichtum strotzenden, aber extrem artifiziellen Gebilde höchstens ein Viertel der Einwohner in Frage kommt, während der Rest sich aus unterbezahlten Heloten aus den Armutszonen Südostasiens zusammensetzt.
Auf der Insel Bahrein, deren Herrscher neuerdings den prätentiösen Titel eines „Malik“, eines Königs, usurpierte und dessen „Liberalität“ ebenfalls aus Washington mit Lob bedacht wird, verschweigt man geflissentlich, dass drei Viertel der alteingesessenen Einwohner der schiitischen Glaubensrichtung angehören und als potentielle Staatsfeinde gelten.
Als zwingenden Beweis für die Erfolge der Bush-Diplomatie im Hinblick auf „liberty and freedom“ muß doch tatsächlich die Islamische Republik Afghanistan als Trophäe herhalten, obwohl deren Präsident Karsai sich weiterhin als „Bürgermeister von Kabulistan“ verspotten lassen muss. Die brutalsten Warlords haben dort weiterhin das Sagen, und die relative Beruhigung, die sich zur Zeit eingestellt hat, ist den übelsten Methoden der Bestechung und Einschüchterung zu verdanken sowie dem Umstand, dass die islamische Revolution ihr kämpferisches Schwergewicht nach Mesopotamien verlagert hat. Das „befreite“ Afghanistan ist schlimmer als ein „failed state“, ein missglückter Staat. Es ist als weitaus größter Heroin-lieferant zum Ausgangspunkt hemmungsloser Drogenkriminalität, zum Eldorado der Narkotrafikanten geworden. Die Folgen dürften sich am Ende verhängnisvoller auswirken als die Herrschaft der grausamen und fanatischen „Koranschüler“, der Taleban von einst.
Der Gipfel der Unverfrorenheit ist erreicht, wenn das Militärregime des General Parvez Muscharraf von Islamabad als fortschrittlicher Partner des Westens dargestellt wird, wo doch dessen Mandat als Staatschef und als Oberkommandierender der Streitkräfte soeben unter Missachtung jeder Legalität verlängert wurde. Die Islamische Republik Pakistan wäre ver-mutlich auch unter der korrupten Führung der verbannten Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto schweren Krisen ausgesetzt. Aber die Strategen des Pentagon sollten den Atom-bombenbesitz dieses zu zügellosem Fanatismus neigenden Vielvölkerstaates, der nur durch die eiserne Faust der Armee zusammengehalten wird, mit weit größerer Sorge beobachten und zu kontrollieren suchen als die durch feindliche Nachbarstaaten zur nuklearen Aufrüstung geradezu verurteilte Mullahkratie des Iran.
So geht es mit ungebrochener Gewalt- und Willkürherrschaft weiter von Marokko, wo der Malik Mohamed VI. seinen wirklichen Einfluß in seiner Eigenschaft als „Amir-el-mu’minin“, als Befehlshaber der Gläubigen, geltend macht, bis Jordanien, wo ein haschemitischer Saud-König siebzig Prozent seiner Untertanen, die palästinensischer Herkunft sind, in Schach halten muß. Absolut schockierend mutet die Generalabsolution an, die dem libyschen Paranoiker Muammar-el-Qadhafi nicht nur von der USA, sondern auch von den Staaten der Europäischen Union erteilt wurde. Dieser berüchtigte Organisator internationaler Terror-anschläge genießt plötzlich wieder das Wohlwollen seiner Petroleumklienten, ohne dass er seiner geknebelten Bevölkerung auch nur die geringste Erleichterung zukommen ließ. Statt dessen wird sein Sohn Seif-ul-Islam als dynastischer Nachfolger aufgebaut.
Da gibt es auch ein paar wohlwollende Despoten, wie den Sultan Qabbus von Oman, aber das Wort „Hurriya“ bleibt bei ihm aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt. Gewiß, so wird man einwenden, zeichnet sich in den Palästinensergebieten eine politische Wende ab, eine Minderung der bislang alles zersetzenden Misswirtschaft der „tunesischen“ Clique. Aber die ersten Kommunalwahlen haben ergeben, dass die Führung der islamischen Hamas, die – im Gegensatz zur Fatah-Bewegung Yassir Arafats mitsamt den Herren Mahmud Abbas und Ahmed Qurei – soziale Verantwortung übernimmt und die Nöte der armen Leute zu lindern sucht, an Einfluß gewinnt. Diese Entwicklung dürfte weder den Israeli noch den Amerikanern ins Konzept passen.
Es hat bislang in der arabischen Welt, in der gesamten „Ummat-el-arabiya“, nur eine einzige ehrliche und freie Parlamentswahl gegeben, und zwar in Algerien im Dezember 1991. Die dort herrschende Offizierscamarilla hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass die „Islamische Heilsfront“ – „jibihat-el-islamiya lil inqadh“ -, die sich bislang durch ihre karitative Fürsorge hervortat und sich keinerlei Gewaltakte schuldig machte, plötzlich im Begriff stand, die absolute Mehrheit der Abgeordneten und somit den Anspruch auf Regierungsbildung zu gewinnen. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten und fiel extrem grausam aus. Die Militärjunta von Algier hat den Volkswillen ignoriert, die bislang relativ gemäßigte Führungsmannschaft der FIS ermordet oder eingekerkert. Über ein Jahrzehnt lang hat sie versucht, die sich zunehmend fanatisierenden „Mujahidin“ – die „Afghanen“, wie der Volksmund sie nannte – mit Stumpf und Stiel auszurotten. Laut vorsichtiger Schätzung haben bei dem grauenhaften Wechsel von Aufstand und Repression 150 000 Algerier den Tod gefunden, und der Widerstand der Salafisten ist immer noch nicht ganz gebrochen. Im Westen hat man sich über den brutalen Staatsstreich der Generale nicht entrüstet. Im Gegenteil, die demokratischen Regierungen Europas und Amerikas haben sich dazu beglückwünscht, dass der Kelch einer islamischen Machtergreifung am Südrand des Mittelmeeres noch einmal an ihnen vorbeigegangen war.
Ähnliches wie in Algerien – wenn auch nicht unbedingt mit der gleichen Vehemenz – dürfte sich im gesamten „Dar-ul-Islam“ wiederholen, falls Präsident Bush es ernst meinen sollte mit der Respektierung des Mehrheitswillens der Bevölkerung. In all diesen Staaten behauptet sich außerhalb der privilegierten Wohnviertel einer schmalen Metropolenelite – in den Slums der Armen, in den Provinzstädten, auf dem flachen Land – das Verharren in der frommen islamischen Lebensgestaltung, ja es findet eine heimliche Rückwendung zu den koranischen Vorschriften der Scharia statt. Bevor sie mir der Ausschaltung der Baath-Partei von Damaskus auch noch das letzte säkulare Regime des „Broader Middle East“ beseitigen, sollten sich die Orientexperten der Bush-Administration bewusst sein, dass die Einführung der Demokratie in dieser Weltgegend ein gefährliches Pokerspiel bleibt. Mit ihrer Phraseologie von „freedom and liberty“ sind diese Zauberlehrlinge auf dem besten Weg, die Fundamente ihrer eigenen Fremdherrschaft, die unweigerlich auf einheimische Tyrannen angewiesen ist, eigenhändig zu erschüttern. Wenn nun gar die neokonservativen Propagandisten verkünden, die unwiderstehliche Ausbreitung freiheitlicher Ideale, die Fortschritte der Menschenrechte vollzögen sich in globaler Dimension, da kann man nur mit den empörten Spaniern, die sich von ihrem Regierungschef Jose Maria Aznar schändlich betrogen fühlten, ausrufen: „No somos idiotas – Wir sind doch keine Idioten“
So attraktiv für Völker anderer Kulturkreise sind die neoliberalen Entgleisungen, auf die sich der Westen neuerdings eingelassen hat, nun wirklich nicht. Der amerikanische Romancier Philip Roth, seit Jahren Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur, hat seine Kritik an dem Bestreben seiner Heimat, die eigenen Verhältnisse der übrigen Welt zu oktroyieren, auf bissige Weise formuliert: „Dieses Land wird nicht von seiner Bürgerschaft regiert, in der jeder von uns seine Stimme hat, sondern von der Börse, die entsprechend ihren Anteilen den Aktionären gehört.“ Mit dem Wort „Demokratie“ ist bereits auf skandalöse Weise Schindluder getrieben worden, als Josef Stalin in Osteuropa sein abscheuliches Satellitensystem mit dem Pleonasmus „Volksdemokratie“ schmückte. So sollte man wenigstens hoffen, dass nicht auch noch der Begriff „Freiheit“ zum Orwellschen Synonym von Wahlbetrug, Bestechlichkeit und Unterdrückung wird. Der deutsche Publizist Paul Sethe, der dem konservativen Lager angehörte, hatte einmal geschrieben, dass die vielgerühmte Pressefreiheit des Westens mit der „Freiheit von zweihundert reichen Leuten gleichzusetzen sei, ihre Meinung zu veröffentlichen“. Die Zahl dieser Privilegierten dürfte sich inzwischen noch verringert haben. " --- Kapitel 'Condi’s „arabischer Frühling“' aus dem Buch 'Koloss auf tönernen Füssen' von Peter Scholl-Latour
by __anon_70489252
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